Warum es mehr braucht als gute Routinen
Selbstfürsorge ist ein Begriff, der in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit bekommen hat. Er taucht in Ratgebern auf, in Gesprächen, in beruflichen Kontexten. Viele Menschen haben ein klares Bild davon, was damit gemeint ist: Pausen machen, sich Zeit für sich nehmen, sich etwas Gutes tun.
Und doch zeigt sich in der Praxis etwas anderes. Viele Menschen kümmern sich um sich selbst – und fühlen sich dennoch erschöpft, innerlich angespannt oder auf eine schwer greifbare Weise unverbunden. Sie setzen Maßnahmen um, die unter dem Begriff Selbstfürsorge laufen, ohne dass sich wirklich etwas verändert.
Das wirft eine entscheidende Frage auf: Was fehlt?
Wenn Selbstfürsorge zur Aufgabe wird
Selbstfürsorge erscheint oft als etwas, das man einplant, organisiert, vielleicht sogar optimiert. Ein Spaziergang am Abend. Eine bewusste Pause im Arbeitsalltag. Ein Wochenende ohne Termine.
All das ist sinnvoll. Gleichzeitig entsteht leicht ein stiller Nebeneffekt: Selbstfürsorge wird zu einer weiteren Aufgabe. Etwas, das man „auch noch gut machen“ möchte.
Dann entstehen Sätze wie:
„Ich müsste mir eigentlich mehr Zeit für mich nehmen.“
„Ich weiß, was mir guttun würde, aber ich setze es nicht um.“
Selbstfürsorge bleibt in solchen Momenten auf der Handlungsebene. Was oft unberührt bleibt, ist die Frage, wie ein Mensch sich selbst dabei eigentlich begegnet.
Der Unterschied liegt in der Begegnung
Der Kern von Selbstfürsorge zeigt sich weniger in dem, was wir tun, sondern in der Art, wie wir uns dabei selbst wahrnehmen.
Selbstbegegnung bedeutet, sich selbst nicht auszuweichen.
Sich nicht zu übergehen.
Sich nicht nur funktional zu betrachten.
Es bedeutet, innezuhalten und wahrzunehmen:
Wie geht es mir gerade wirklich?
Was ist in mir spürbar – körperlich, emotional, gedanklich?
Und dann einen Schritt weiterzugehen:
Kann ich mich dem, was da ist, zuwenden – ohne es sofort verändern zu wollen?
Diese Form der Begegnung ist sanft, unspektakulär und oft ungewohnt.
Viele Menschen sind geübt darin, Anforderungen zu erfüllen, Lösungen zu finden, Verantwortung zu übernehmen. Weniger vertraut ist es, sich selbst einfach wahrzunehmen – ohne Ziel, ohne Bewertung, ohne unmittelbare Korrektur.
Selbstbegegnung ist eine Erfahrung
Selbstbegegnung entsteht nicht dadurch, dass wir wissen, wie wichtig sie ist.
Sie zeigt sich im Erleben.
Im Körper.
In kleinen Veränderungen, die sich kaum erzwingen lassen.
Manchmal ist es ein Nachlassen von Spannung.
Ein tieferer Atemzug.
Ein Moment von Weite, der vorher nicht da war.
Diese Qualität entsteht, wenn Aufmerksamkeit, Präsenz und Offenheit zusammenkommen.
In der Arbeit mit Menschen wird genau dieser Unterschied oft sichtbar: zwischen dem, was jemand „richtig machen“ möchte – und dem, was tatsächlich entsteht, wenn er sich selbst begegnet.
Eine einfache Übung: Sich selbst ein kleines Lächeln schenken
Nehmen Sie eine Position ein, in der Sie für einen Moment ungestört sind.
Sie können sitzen oder stehen – so, dass Ihr Körper aufgerichtet und gleichzeitig entspannt ist.
Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit zunächst auf Ihren Atem.
Beobachten Sie, wie er kommt und geht, ohne ihn zu verändern.
Lenken Sie dann Ihre Aufmerksamkeit auf Ihre Lippen.
Auf den Kontakt zwischen Ober- und Unterlippe.
Nehmen Sie wahr:
Wie liegen Ihre Lippen aufeinander?
Ist dort Spannung? Bewegung? Ruhe?
Lassen Sie Ihre Aufmerksamkeit dann langsam von innen nach außen wandern – hin zu den Mundwinkeln.
Ohne etwas zu verändern. Nur wahrnehmen.
Im nächsten Schritt lassen Sie eine kleine Bewegung entstehen:
Heben Sie Ihre Mundwinkel ganz leicht an. Kein bewusstes Lächeln nach außen, sondern eine feine, fast unscheinbare Bewegung.
Ein Lächeln, das nicht für andere gedacht ist.
Sondern für Sie selbst.
Verbinden Sie diesen Moment mit einem inneren Satz:
Ein stiller Dank für Ihre eigenen Bemühungen. Für das, was Sie im Alltag tragen. Für Ihr Dranbleiben – auch in schwierigen Phasen.
Beobachten Sie anschließend, was geschieht.
Der Moment, der den Unterschied zeigt

Bei manchen Teilnehmern entsteht am Ende der Übung ein spürbarer Seufzer.
Der Atem wird tiefer. Die Gesichtszüge weicher. Manchmal folgt ein leises Lächeln.
Es ist, als würde sich im Inneren etwas lösen. Als würde der Körper Entlastung zulassen.
In anderen Fällen bleibt die Reaktion zurückhaltender.
Teilnehmer sagen dann:
„Ich konnte mir schon ein bisschen zulächeln.“
Auch das ist eine ehrliche Rückmeldung. Sie zeigt: Der Kontakt zu sich selbst ist in diesem Moment noch vorsichtig.
Beides ist wertvoll. Es geht nicht um ein bestimmtes Ergebnis, sondern darum wahrzunehmen, was tatsächlich geschieht.
Woran sich Selbstbegegnung erkennen lässt
Selbstbegegnung zeigt sich nicht in der äußeren Handlung, sondern in der Qualität der inneren Reaktion.
Hinweise können sein:
- ein Nachlassen von Anspannung
- ein tiefer Atemzug oder ein Seufzer
- das Gefühl, für einen Moment bei sich anzukommen
- ein leises, nicht gemachtes Lächeln
Diese Reaktionen lassen sich nicht erzwingen.
Das bedeutet auch: Selbstfürsorge ist nicht automatisch gegeben, nur weil wir etwas „für uns tun“. Sie entsteht dort, wo wir uns in diesem Moment wirklich begegnen.
Warum dieser Unterschied bedeutsam ist
Selbstfürsorge auf der Handlungsebene kann entlasten. Sie schafft Pausen und ermöglicht Regeneration.
Doch die innere Beziehung zu sich selbst bleibt oft unverändert.
Die Art, wie wir mit uns sprechen.
Wie wir auf eigene Grenzen reagieren.
Wie wir mit innerem Druck umgehen.
Erst durch Selbstbegegnung entsteht hier eine Verschiebung.
Wer mit sich in Kontakt kommt, reagiert weniger automatisch, erkennt schneller, was guttut, und entwickelt ein feineres Gefühl für eigene Grenzen.
Selbstfürsorge wird dann nicht mehr nur etwas, das man tut.
Sie wird Teil der Beziehung zu sich selbst.
Die Rolle von Akzeptanz und Mitgefühl
Eine zentrale Voraussetzung dafür ist die innere Haltung, mit der wir uns selbst begegnen.
Wenn diese Begegnung von Bewertung geprägt ist, entsteht schnell Distanz:
„So sollte ich mich nicht fühlen.“
„Ich müsste weiter sein.“
Selbstbegegnung braucht eine andere Qualität.
Eine Haltung, die anerkennt, was da ist.
Akzeptanz bedeutet hier, wahrzunehmen, ohne sofort zu korrigieren.
Mitgefühl bedeutet, sich selbst in der eigenen Situation ernst zu nehmen. Das Leid zu erkennen und es als Teil des Menschseins zuzulassen.
Diese Haltung entwickelt sich oft über kleine Momente wie in der beschriebenen Übung.
Selbstfürsorge als Beziehung zu sich selbst
Wenn Selbstfürsorge aus dieser Haltung entsteht, verändert sich ihre Qualität.
Ein Spaziergang wird auch Wahrnehmung.
Eine Pause wird ein Moment des Ankommens.
Ein Atemzug wird zu einer Form von Kontakt.
Die äußeren Handlungen bleiben ähnlich.
Doch ihre Wirkung verändert sich.
Selbstfürsorge entsteht dann aus Verbindung, nicht aus Verpflichtung.
Ein Blick in die Praxis
Im Coaching zeigt sich häufig, wie ungewohnt diese Form der Selbstbegegnung zunächst ist.
Viele Menschen sind es gewohnt, schnell Lösungen zu finden, Probleme zu analysieren und nächste Schritte zu planen.
Wenn sie eingeladen werden, einfach nur wahrzunehmen, entsteht oft zunächst Irritation:
Was soll ich hier tun?
Worauf kommt es an?
Habe ich es richtig gemacht?
Mit der Zeit verändert sich etwas.
Die Wahrnehmung wird feiner.
Der Zugang zum eigenen Erleben klarer.
Und damit auch die Fähigkeit, für sich selbst zu sorgen – nicht als Aufgabe, sondern als Ausdruck einer inneren Verbindung.
Wenn Sie den Weg zur echten Selbstfürsorge gehen möchten, unterstütze ich Sie gerne in meiner Praxis in München, Nähe Odeonsplatz. Buchen Sie gerne ein unverbindliches Kennenlerngespräch.