Manche Führungskräfte tragen Druck über Jahre scheinbar unbeeindruckt mit sich. Andere geraten unter vergleichbarer Last spürbar aus dem Gleichgewicht. Woran liegt das? Ein Teil der Antwort liegt in einer Besonderheit der Rolle selbst: Wer führt, trägt nicht nur die eigene Belastung. Wer führt, trägt auch die Verantwortung dafür, wie sich Druck auf andere auswirkt. Genau das macht Erschöpfung im Job für Führungskräfte zu einer besonderen Angelegenheit – und Burnout Coaching auf dieser Ebene zu einer eigenen Aufgabe, die selten mitgedacht wird.
Die Sandwich-Position: Druck von oben, Fürsorge nach unten
Wer eine Führungsrolle innehat, steht strukturell zwischen zwei Erwartungshaltungen. Von oben kommen Zielvorgaben, Kostendruck, Kennzahlen, manchmal Entscheidungen, die man selbst kritisch sieht, aber mittragen muss. Nach unten besteht gleichzeitig die Aufgabe, für ein Team Stabilität herzustellen – auch dann, wenn man selbst gerade keine hat.
Was diese Position so erschöpfend macht, ist weniger die einzelne Anforderung als die ständige Übersetzungsarbeit dazwischen. Strategische Unsicherheit wird in beruhigende Kommunikation übersetzt. Kostendruck wird in machbare Aufgabenpakete übersetzt. Und die eigene Sorge – ob der eigene Bereich, die eigene Stelle, das eigene Team von der nächsten Entscheidung betroffen sein wird – bleibt in dieser Übersetzung meist außen vor. Dafür ist schlicht kein Raum vorgesehen.
Diese Position unterscheidet sich von klassischer Mehrarbeit dadurch, dass sie nicht durch mehr Einsatz lösbar ist. Man kann eine unklare Zielvorgabe nicht wegarbeiten. Man kann die Sorge des Teams um den eigenen Arbeitsplatz nicht mit einer guten Präsentation auflösen. Was bleibt, ist die Aufgabe, mit Unsicherheit zu führen, die man selbst nicht auflösen kann – und trotzdem Orientierung zu geben. Genau das ist es, was viele Führungskräfte auf Dauer erschöpft, ohne dass ein einzelnes Ereignis dafür verantwortlich wäre.
Warum das gerade jetzt besonders schwer wiegt
Diese Sandwich-Position gab es schon immer. Was sich verändert hat, ist die Dichte der Unsicherheit, in der sie stattfindet. Eine stagnierende Wirtschaft, kriegerische Konflikte, deren wirtschaftliche Folgen bis in Lieferketten und Budgets reichen, und eine Technologie, die in kurzer Zeit ganze Berufsbilder infrage stellt – all das trifft Führungskräfte nicht nur als Beobachtende. Es trifft sie als Menschen, die Entscheidungen dazu treffen und gleichzeitig selbst betroffen sein können.
Konkret heißt das: Kürzungen sollen im Team umgesetzt werden, während man selbst nicht weiß, ob der eigene Bereich im nächsten Jahr noch in dieser Form existiert. Neue, KI-gestützte Effizienzprogramme sollen eingeführt werden, während unklar bleibt, welche der eigenen Aufgaben davon in absehbarer Zeit übernommen werden. Man moderiert eine Veränderung, deren Ausgang man selbst nicht kennt. Das ist etwas anderes, als „nur“ viel Verantwortung zu tragen.
Das ist ein Unterschied zu klassischeren Erschöpfungsmustern: Dort liegt die Belastung meist in inneren Ansprüchen. Hier kommt eine reale, äußere Unsicherheit hinzu – und die lässt sich nicht wegatmen.
Erschöpfung im Job erkennen – wo Stress aufhört und Burnout beginnt
Burnout ist kein diffuses Gefühl von „viel zu tun“. Fachlich lässt er sich über drei Dimensionen beschreiben: emotionale Erschöpfung, eine zunehmende innere Distanzierung von der eigenen Arbeit – oft als Zynismus sichtbar – und das Gefühl, trotz Einsatz weniger zu bewirken als früher. Bei Führungskräften zeigen sich diese drei Dimensionen häufig in einer ganz eigenen Form.
Woran sich Erschöpfung bei Führungskräften früh zeigt:
- Entscheidungsmüdigkeit – Entscheidungen, die früher in Minuten fielen, ziehen sich hin
- Gereiztheit im Team – kleine Rückfragen kosten plötzlich spürbar Nerven
- Rückzug von strategischer Arbeit – man funktioniert im Tagesgeschäft, das Nachdenken bleibt liegen
- Schlaf, der nicht mehr erholt – man wacht auf, als hätte die Nacht nicht stattgefunden
- Zynismus gegenüber Zielvorgaben – innere Distanz zu Entscheidungen, die man nach außen vertreten muss
Keines dieser Zeichen ist für sich genommen ein Alarmsignal. Bedenklich wird es, wenn mehrere davon zum Dauerzustand werden – und wenn die Wochenenden nicht mehr ausreichen, um wieder auf null zu kommen. Was das über den Zustand des Nervensystems verrät, habe ich in einem eigenen Artikel beschrieben: Wenn Erholung nicht mehr erholt.
Was auf Führungsebene besonders erschöpft
Verantwortung ohne eigenen Schutzraum
Mitarbeitende dürfen – zumindest im Grundsatz – ihre Erschöpfung ansprechen, sich Unterstützung holen, sich an die Führungskraft wenden. Für Führungskräfte selbst gibt es diese Adresse häufig nicht in gleicher Form. Nach oben möchte man nicht als überfordert gelten. Nach unten möchte man das Team nicht zusätzlich beunruhigen. Übrig bleibt eine Position, in der die eigene Erschöpfung mangels Adressat einfach mitgetragen wird.
Die inneren Antreiber, die Führung besonders anfällig machen
Viele Menschen, die in Führung gehen, bringen bereits ausgeprägte innere Antreiber mit: „Sei stark“, „Sei perfekt“, „Mach es allen recht“. Diese Haltungen haben sie in ihre Rolle gebracht – und die Rolle selbst bestätigt sie täglich neu. Wer Verantwortung übernimmt, bekommt dafür Anerkennung. Und genau das macht es schwerer, Grenzen zu setzen, wenn sie nötig würden. Was dahintersteckt, habe ich in einem eigenen Beitrag beschrieben: Warum Grenzen setzen für viele Menschen so schwer ist.
Ständige Erreichbarkeit als weiterer Verstärker
Hinzu kommt eine Erwartung, die selten ausgesprochen, aber meist spürbar ist: Führung soll erreichbar sein. Abends noch die Nachricht beantworten, am Wochenende kurz ins Postfach schauen, im Urlaub wenigstens erreichbar bleiben, „falls etwas ist“. Jede einzelne dieser Ausnahmen wirkt harmlos. In der Summe verhindern sie genau das, was Erholung braucht: ein Nervensystem, das wirklich abschalten darf, weil es sich sicher genug fühlt, keine Nachricht zu verpassen.
Was Prävention in der Führungsrolle bedeuten kann
Burnout Coaching für Führungskräfte setzt selten bei einem großen Programm an. Es beginnt meist im Kleinen – auf drei Ebenen, die sich gegenseitig stützen.
Die Ebene der Strukturen
Ein Teil der Prävention liegt schlicht in der Gestaltung des Alltags: Aufgaben tatsächlich abgeben, statt sie aus Kontrollbedürfnis zurückzuholen. Termine so legen, dass zwischen Entscheidungen auch Raum zum Nachdenken bleibt. Und, vielleicht am wirkungsvollsten: Pausen sichtbar machen, statt sie zu verstecken. Eine Führungskraft, die selbst nie eine Pause zeigt, erlaubt ihrem Team unausgesprochen dasselbe Muster.
Die Ebene des Nervensystems
Strukturelle Veränderungen brauchen Zeit. Was im Alltag sofort greift, sind kurze Momente der Regulation zwischen zwei Terminen: ein bewusstes, langsames Ausatmen vor dem nächsten Meeting. Ein paar Schritte an die frische Luft, ohne Telefon. Diese Momente wirken nicht, weil sie viel verändern – sondern weil sie dem Nervensystem zwischendurch signalisieren, dass gerade keine Gefahr besteht. Wie psychologische Flexibilität dabei unterstützen kann, beschreibe ich in einem eigenen Artikel: Psychologische Flexibilität: Warum ACT ein Anker in stürmischen Zeiten ist.
Diese Momente lassen sich nicht an einem einzigen intensiven Wochenende „nachholen“. Sie wirken, weil sie sich wiederholen – kurz, aber regelmäßig, über die ganze Arbeitswoche verteilt. Das unterscheidet Prävention von Reparatur: Prävention findet im Kleinen, im Alltäglichen statt, nicht erst dann, wenn der Körper längst deutliche Signale sendet.
Mit der eigenen Unsicherheit umgehen, ohne sie weiterzureichen
Die schwierigste Aufgabe bleibt die dritte: die eigene Sorge um die berufliche Zukunft nicht zu verdrängen, aber auch nicht ungefiltert an das Team weiterzugeben. Das bedeutet nicht, Unsicherheiten zu verschweigen. Es bedeutet, für die eigene Unsicherheit einen Ort zu finden, der nicht das eigene Team ist – ein Coaching, eine Vertrauensperson außerhalb der Organisation, ein Format, in dem man nicht gleichzeitig führen muss. Wer diesen Ort hat, kann dem Team gegenüber ehrlicher und gleichzeitig ruhiger auftreten. Nicht weil die Unsicherheit weg ist. Sondern weil sie nicht mehr allein getragen werden muss.
Ankommen
Setzen Sie sich für einen Moment bewusst hin, bevor Sie zum nächsten Termin wechseln. Ein bewusster Atemzug genügt.
Die Rolle kurz beiseitelegen
Fragen Sie sich, ohne zu antworten: Was würde ich gerade sagen, wenn ich nicht gerade führen müsste?
Den Druck lokalisieren
Kommt die Anspannung gerade eher von oben – von Erwartungen, Zahlen, Entscheidungen? Oder von unten – von der Sorge um das Team?
Die eigene Unsicherheit anerkennen
Nicht lösen. Nur kurz zulassen, dass sie da ist – auch bei Ihnen.
Zurückkehren
Nehmen Sie einen bewussten Atemzug, bevor Sie in den nächsten Termin gehen.
Diese kurze Unterbrechung verändert die Lage nicht. Aber sie unterbricht das Muster, die eigene Erschöpfung so lange zu übergehen, bis sie sich selbst meldet.
Wann professionelle Unterstützung sinnvoll ist
Nicht jede angespannte Phase braucht Begleitung von außen. Es gibt Zeiten, in denen hohe Anforderungen einfach dazugehören. Sinnvoll wird externe Unterstützung dann, wenn die oben beschriebenen Zeichen zum Dauerzustand werden – wenn sich also erste Erschöpfung zu einem beginnenden Burnout verdichtet – oder wenn deutlich wird, dass die eigene Erschöpfung längst auf das Team abfärbt, ohne dass man das im Alltag noch klar unterscheiden kann. Im Burnout Coaching schauen wir gemeinsam, wo der Druck tatsächlich herkommt, was davon strukturell veränderbar ist – und was innerlich Raum braucht, um getragen zu werden, ohne das Team damit zu belasten.
Was ich in der Praxis sehe
Führungskräfte, die zu mir kommen, wirken nach außen häufig völlig intakt. Sie leiten Meetings souverän, treffen Entscheidungen, halten ihr Team zusammen. Was sie dann oft zum ersten Mal aussprechen, ist etwas anderes: dass sie selbst nicht mehr wissen, wo sie mit der eigenen Erschöpfung hinsollen, weil im Alltag kein Platz dafür vorgesehen ist. Nach oben will man nicht als Schwachstelle erscheinen. Nach unten will man das Team nicht verunsichern. Übrig bleibt oft nur der eigene Coaching-Termin als einziger Ort, an dem diese Seite überhaupt zur Sprache kommt.
Im Coaching geht es dabei selten darum, „belastbarer“ zu werden. Es geht darum, eine ehrlichere Beziehung zur eigenen Erschöpfung aufzubauen – und einen Umgang mit der aktuellen Unsicherheit zu finden, der weder verdrängt noch das Team belastet.
Was bleibt
Führung in dieser Zeit bedeutet, Unsicherheit zu managen, die man selbst nicht gewählt hat – und gleichzeitig ein Team zu halten, das auf Stabilität angewiesen ist. Das ist eine reale Aufgabe, keine Charakterschwäche, wenn sie erschöpft. Der Körper führt auch hier Buch, unabhängig davon, wie viel Verantwortung die Rolle verlangt.
Wer merkt, dass die eigene Belastbarkeit nicht mehr ausreicht, um beides zu tragen – die Erwartungen von oben und die Fürsorge nach unten –, hat damit nichts falsch gemacht. Es ist ein Hinweis darauf, dass auch Führungskräfte einen Ort brauchen, an dem sie nicht führen müssen. Erschöpfung im Job ernst zu nehmen und sich Burnout Coaching nicht erst dann zu suchen, wenn es kritisch wird, ist auch für Führungskräfte kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verantwortung – sich selbst gegenüber. Ich begleite Menschen in München und online dabei, in dieser Position wieder Halt zu finden – ruhig, individuell, in Ihrem Tempo.
Sabine Maier – Resilienz Coach & Heilpraktikerin für Psychotherapie
Wenn Sie merken, dass Führung Sie gerade mehr kostet, als sie zurückgibt – ich begleite Sie im Burnout Coaching, Resilienz Coaching oder Stress Coaching in München dabei, wieder Halt zu finden.